Wirtschaftsblatt: "Content bekommt einen Wert"
Alexis Johann im Interview über bescheidene Erwartungen an Paid Content
|
| Alexis Johann zeigt sich vorsichtig optimistisch (Foto: Wirtschaftsblatt) |
|
Wien
(pte/02.02.2010/13:05) -
Mit 1. Februar hat das Wirtschaftsblatt http://www.wirtschaftsblatt.at als erste österreichische Tageszeitung ein Paid-Content-Modell eingeführt. Ab sofort stehen den Abonnenten der Zeitung kostenpflichtige Premium-Angebote zusätzlich zu einer weiterhin kostenlosen Basisversion der Online-Plattform zur Verfügung. Ob das Freemium-Modell aufgehen wird, ist derzeit völlig offen und wird auch vom Wirtschaftsblatt selbst mit großer Spannung erwartet. Im pressetext-Interview spricht Alexis Johann, Ressortleiter Digitale Medien und Mitglied der Chefredaktion, über Chancen und Gefahren des neu eingeschlagenen Weges.
pressetext: Das Wirtschaftsblatt wagt in Österreich, was noch keine andere Zeitung hier gewagt hat. Wie ist es zu der Entscheidung gekommen, auf Paid Content zu setzen?
Johann: Wir haben 2007 Wirtschaftsblatt.at aus einer integrierten Redaktion heraus ganz neu gestartet. Seither arbeiten Print- und Onlineredakteure zusammen. Schon damals wurde überlegt, ob alles kostenlos sein soll oder nicht. Unser Archiv war schon zu dieser Zeit kostenpflichtig. Zunächst haben wir alles geöffnet, etwa für Suchmaschinen oder für Verlinkungen, auch Web-2.0-Features wurden eingeführt. Auch damals hatten wir im Hinterkopf, eine Strategie finden zu wollen, wie wir beispielsweise Special-Interest-Inhalte wieder dahin bringen können, wo sie hingehören - in das Hochpreissegment.
pressetext: Wurden bestehende kostenlose Angebote nun eingeschränkt?
Johann: Alles, was in den Bereich eines breiten Interesses fällt, ist weiterhin frei zugänglich, aber alles was in spezifische Bereiche fällt, ist nun tendenziell vergebührt. Wer ein Printabo hat, hat online außerdem ohnehin 'alle Rechte'. Generell gegen Paid Content spricht natürlich, dass User nicht gewöhnt sind, online zu bezahlen. Was aber dafür spricht, ist der Punkt, dass Content nun einen Wert bekommt. Das war uns das Wichtigste.
pressetext: Wo orten sie die Chancen hinter dem neuen Freemium-Modell?
Johann: Die große Chance ist, dass wir bestehende Abonnenten an uns binden. Viele unserer Abonnenten sind hochmobil, gerade für diese Menschen wollen wir, dass sie das Wirtschaftsblatt 'mitnehmen' können. Wir brauchen als Verlag langfristig eine Strategie, diese Leser behalten zu können und natürlich müssen wir auch daran verdienen. Mit den Werbeumsätzen allein können wir die Redaktion in der aktuellen Qualität nicht erhalten.
pressetext: Wo sehen Sie die größte Gefahr?
Johann: Natürlich besteht die Gefahr, dass wir online dadurch User verlieren, allein deshalb, weil nun Sperrzonen auftauchen, man sich einloggen muss oder ähnliches. Das kann schlichtweg lästig sein. Die zweite Gefahr ist es, dass wir den Traffic über Windmaschinen - also etwa die Google-Verlinkung über Social Networks, die ganze Online-Vernetzung verlieren. Das macht bei uns immerhin 15 bis 20 Prozent des Traffics aus. Daher haben wir uns auch entschlossen, eigentlich kostenpflichtige Artikel frei zugänglich zu lassen, wenn jemand über eine Suchmaschine oder einen Facebook-Link zugreift.
pressetext: Entsteht dadurch nicht ein neues Konfliktpotenzial mit jenen Lesern, die für ihre Abos bezahlen?
Johann: Die Gefahr ist natürlich gegeben, gerade die besten Kunden zu verärgern. Deswegen haben wir aber auch eine Reihe an Zusatzangeboten eingeführt, um diesen möglichen Ärger kompensieren zu können. Letztlich ist es aber ein Risiko, wir wissen jetzt nicht, was passieren wird. Wir wissen nicht, wie das aufgenommen wird oder ob wir Traffic verlieren werden.
pressetext: Wie sieht es mit Angeboten für mobile Plattformen aus - Stichwort iPad?
Johann: In Planung ist jedenfalls eine iPhone-App. Viele unserer User haben iPhone oder Blackberry. Was das iPad betrifft, wollen wir uns das im Herbst jedenfalls anschauen. Allerdings bin ich noch sehr skeptisch, da der technische Aufwand, so wie sich das iPad jetzt präsentiert, möglicherweise zu groß und zu teuer ist. Sich ein oder zwei Redakteure zu leisten, die dann nur speziell für das iPad arbeiten und entsprechende Versionen erstellen, rechnet sich wahrscheinlich nicht im Verhältnis dazu, wie viele Menschen das iPad dann überhaupt besitzen. Wir werden in diesem Punkt sicher nicht die ersten sein.
pressetext: Glauben Sie das Wirtschaftsblatt hat nun Vorbildwirkung für die heimische Verlagsbranche?
Johann: Alle Vertreter, mit denen ich gesprochen habe, sagen, sie machen es nicht. Niemand will derzeit ein Risiko eingehen und Leser vergraulen. Wobei ich allerdings glaube, dass jede Zeitung spezifischen Content hätte, der über dieses Modell angeboten werden könnte. Aber vielleicht liegt es bei Special Interest einfach mehr auf der Hand.
pressetext: Welche Reaktionen haben Sie bislang auf die Einführung von Paid Content bekommen?
Johann: Aus der Branche kommt eigentlich ein Attribut: mutig. Von Seite der User gab es bisher kein einziges negatives Feedback, kein bösartiges Posting. Im Gegenteil haben wir bereits die ersten Bestellungen für Abos bekommen und auf Seite der bestehenden Printabonnenten waren die Reaktionen äußerst positiv, weil sie nun weitere Zusatz-Features bekommen. Schon jetzt sind ein Drittel der Abonnenten für die neuen Dienste freigeschalten. Nicht zuletzt zeigt sich auch die Redaktion äußerst zufrieden.
pressetext: Vielen Dank für das Gespräch.
(Ende)
|